Wie konnte der Ölpreis ins negative abrutschen?

Wie konnte der Ölpreis ins negative abrutschen?

Am 20. April fiel der Preis des Crude Oil Future Kontrakt für den Monat Mai auf minus $37,67. So etwas hat es bisher noch nie gegeben. Überhaupt sind Öl Futures noch nie in den negativen Bereich abgerutscht. Aber was bedeutet das eigentlich und wie konnte es dazu kommen?

Was sind Futures

Öl wird an der Börse in der Form von Futures gehandelt. Ganz einfach ausgedrückt sind Futures Gutscheine und ich habe als Trader die Möglichkeit so einen Gutschein für jeden einzelnen Monat in der Zukunft zu kaufen, oder verkaufen. Ich kann also heute schon einen „Gutschein“ für Öl kaufen, den ich erst in ein paar Monaten oder sogar Jahren einlösen muss. Die Betonung liegt hier auf „muss“, denn anders als beim Gutschein, bin ich verpflichtet meinen Future einzulösen.
Im Grunde ist das so, als würde ich im März einen Gutschein bei meinem Lebensmittelhändler für 1 KG Bananen kaufen, den ich beispielsweise im Juni einlösen muss. Für den Gutschein bezahle ich 5,00 Euro. Jetzt gehe ich im Juni zu meinem Lebensmittelhändler und hole die Bananen ab. Dummerweise kosten Bananen jetzt nur noch 2,00 Euro/KG. Da ich für den Gutschein 5,00 Euro bezahlt habe, habe ich 3,00 Euro Verlust gemacht. Ich hätte den Gutschein in den 3 Monaten allerdings auch jederzeit weiterverkaufen können. Wäre der Preis meines Gutscheins zwischenzeitlich mehr als 5,00 Euro wert gewesen, hätte ich ihn mit Gewinn an jemand anderen verkaufen können. Ganz egal was Bananen aktuell eigentlich kosten. Als Future Trader handel ich nur mit den „Gutscheinen“.

Hier mal ein paar Futures der Ölsorte „West Texas Intermediate“ mit dem Symbol CL. Wie Du siehst, hat jeder Future einen anderen Preis und ich kann sogar Futures für das Jahr 2029 kaufen.

CL Futures Juni, Juli, August, September, Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März, April, Mai 2020, 2021, 2029

Jeder kann Futures handeln

Rohöl Futures werden natürlich von Mineralölunternehmen und ganzen Staaten gehandelt, die Öl fördern, veredeln oder vertreiben. Oft sichert man sich gegen stark fallende, oder steigende Preise ab. Eine Rohölaffinerie profitiert vom niedrigen Ölpreis und ein Rohölförderer profitiert vom hohen Ölpreis. Will ich beispielsweise als Ölförderer sicher gehen, dass ich in 6 Monaten mein Öl mit Gewinn abstoßen kann, verkaufe ich heute Futures, die in 6 Monaten ablaufen und zurzeit zu einem angemessenen Preis gehandelt werden.
Fällt jetzt der Preis des Öls so stark, dass ich an der Förderung nichts mehr verdienen würde, kann mir das fast egal sein, da ich das Öl ja schon vor 6 Monaten als „Gutschein“ zu einem besseren Preis verkauft habe. Ist der Ölpreis inzwischen gestiegen ist das zwar ärgerlich, aber ich produziere trotzdem nicht mit Verlust.
Selbstverständlich wird Öl auch von großen Hedgefonds und ETFs gehandelt. Beispielsweise fiel auch der bekannteste ÖL ETF, der USO in den letzten Wochen nahezu ins Bodenlose. Dazu später mehr. Fondsgesellschaften haben natürlich nicht vor reales Öl zu kaufen, sondern spekulieren einzig und allein auf steigende oder fallende Kurse der Futures.

Aber nicht nur große Megakonzerne haben die Möglichkeit Rohöl Futures zu handeln, sondern auch Karl Heinz mit seinem kleinen Broker Konto.
Ein CL Future verpflichtet mich zu dem Kauf von 1000 Barrel Öl. Wird der Future also gerade bei $50,00 gehandelt, dann hat dieser einen Wert von $50.000.
Als Trader brauche ich aber nicht so viel Geld, um mit Futures zu handeln. In der Regel reichen 2.000 – 3.000 Euro um CL Futures handel zu können. Das kommt ganz auf den Broker an.

Große Gefahr für Anfänger, aber auch Fortgeschrittene

Wenn ich nur einen einzigen CL Future handel, dann verdiene oder verliere ich bei jedem einzigen Cent, den sich der Future bewegt $10. Kaufe ich und der Future fällt $3,00 und ich habe nur $3.000 in meinem Konto, dann ist es nach dem Trade leergefegt. Alles zu verlieren ist schlimm genug, viel dramatischer ist es allerdings, wenn man wesentlich mehr verliert als man eigentlich besitzt. Das dürfte vor 4 Tagen so einigen Tradern passiert sein. Normalerweise springt der Broker ein und liquidiert die Positionen im Konto, wenn die Gefahr besteht, dass der Kunde alles verliert und somit auch der Broker in Gefahr gebracht wird. Dadurch wird der Verkaufsdruck noch weiter beschleunigt und die Kurse fallen weiter, eine Kettenreaktion tritt in Kraft und es werden zu viele Futures verkauft. Wenn es jetzt nicht genug Käufer gibt, fällt der Preis ins Bodenlose. Ich muss zugeben, ich hätte auch nicht gedacht, dass ein Öl Future überhaupt ins Minus fallen kann. Wer seine Position nicht rechtzeitig geschlossen hat, der hat am 20. April gut $50.000 verloren. Hatte man nur $3.000 in seinem Konto hatte, schuldet man seinem Broker jetzt eine ganze Menge Kohle.
Deswegen ist es beim traden immer wichtig, sein Kapital mit Stop Orders abzusichern.

Warum gab es mehr Verkäufer als Käufer?

Zurzeit sind die Ölspeicher weltweit aufgrund der Coronakrise zum Überlaufen voll. Wer seinen Future nicht vor dem Ablaufdatum verkauft, der muss das Öl abnehmen. Auch Karl Heinz, der in seiner 50m² Bude an der Börse zockt, müsste die 1000 Fässer Öl abnehmen. Das will natürlich kein Trader oder Hedgefont tun. In der Regel gibt es Shortseller, die ihre Position ebenfalls rechtzeitig glattstellen wollen und Rohölraffinerien, die an den letzten Handelstagen für ausreichend Kaufdruck sorgen. Im Moment kauft aber niemand Öl, denn man weiß schlicht und einfach nicht, wohin damit. Als der Preis dann in den negativen Bereich gerutscht ist, hat man also quasi Geld dafür bekommen, dass man das Öl abnimmt.

Der Juni Rohöl Future fiel auf unter $7, tradet jetzt aber wieder bei $17. Der USO ETF fiel auf $2,22, tradet aber erst bei $2,67. Warum ist das so?

Kleinere Trader, bedienen sich oft an ETFs, da hier nicht ganz so viel Kapital eingesetzt werden muss. Dazu muss man aber verstehen, wie ETFs funktionieren, die mit Futures handeln. Der USO ETF kauft kontinuierlich CL Futures aus den folgenden Monaten und verkauft CL Futures aus dem aktuellen Monat. Da die Futures mit längerer Laufzeit zurzeit teurer sind, als die aktuellen entsteht dadurch ein Verlustgeschäft und der ETF verliert an Wert. Es müssen ständig neue Futures zu einem teureren Preis gekauft werden und zu einem niedrigeren Preis verkauft werden. Am 21. April musste der ETF einem Großteil seiner Mai Futures mit Mega Verlusten verkaufen (was den Future Preis noch weiter gedrückt hat) und dafür viel teurere Juni Futures kaufen. Solange sich der Rohöl Markt im Contango befindet wird sich daran auch nichts ändern und der USO ETF wird kontinuierlich an Wert verlieren, auch wenn der Futures Preis nicht weiter fällt.

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